Medientag München 2009 - Printgipfel

Tod oder Premium: Zur Zukunft der Printmedien

***pBIZm(e) - Verlage am Wendepunkt? Die Frage, die als Thema im Mittelpunkt des Printgipfels der MEDIENTAGE MÜNCHEN stand, beantworten viele Branchenexperten radikal und verkünden den fast unmittelbar bevorstehenden Tod der Printmedien. Solche Untergangsszenarien wurden im Rahmen der Veranstaltung nicht ausdrücklich von der Hand gewiesen. Dennoch zeigten sich die Teilnehmer des von stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen moderierten Panels grundsätzlich optimistisch und waren sich hinsichtlich der Zukunft des gedruckten Wortes vor allem in einem Punkt einig: Die wichtigste und zukunftsträchtigste Aufgabe der Verlagshäuser sei es, dem Qualitätsjournalismus eine nachhaltige Plattform zu bieten. Wenn dies differenziert, den Inhalten entsprechend und im Rahmen angemessener Geschäftsmodelle geschehe, sei die Form der Nachrichtenübermittlung – also gedruckt oder online – letztlich sekundär. „Wagen wir, die Dinge zu sehen, wie sie sind“, zitierte Bayerns Medienminister Siegfried Schneider in seinem Grußwort Albert Schweitzer und ermunterte die Experten aus Verlagswesen und Journalismus zu einer realistischen Einschätzung der aktuellen Krisensituation. „Print und Internet schließen sich nicht aus“, formulierte der Medienpolitiker, betonte aber die Relevanz bezahlter Geschäftsmodelle („Qualität hat ihren Preis“).

In Zusammenarbeit mit dem Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) gebe es darüber hinaus Programme zur effektiven Medienerziehung an den Schulen. An 750 bayerischen Grundschulen nehme dies gerade mit dem so genannten „Medienführerschein“ seinen Anfang und schließe auch die Printmedien mit ein, berichtete der VBZV-Vorsitzender Andreas Scherer in seinem Grußwort.

Jeff Jarvis sieht eine neue Geschäftsrealität: Links statt Inhalte

Der amerikanische Bestseller-Autor Prof. Jeff Jarvis („Was würde Google tun?“) zeigte sich bei der Beurteilung des Zukunftspotenzials von Zeitungen skeptischer. Über Skype zugeschaltet, äußerte sich der berühmte Blogger (www.buzzmachine.com) im Hinblick auf die Bewahrung traditioneller Medienformen kritisch: „Wir befinden uns in einer neuen Geschäftsrealität, in der es nicht mehr um Inhalte, sondern Links geht.“ Alle Versuche, Inhalte exklusiv zu präsentieren und dafür Geld zu verlangen, seien antiquiert, unvisionär und negierten die neue Kultur einer „offenen Kommunikation“. Jarvis empfahl einen Weg weg vom Produkt in Richtung Prozess. Am Beispiel der Vermarktung beim Internet-Konzern Google belegte Jeff Jarvis seine These von einer medialen Zukunft, in der die Konzepte „Besitz“ und „Bezahlung“ einer (Geschäfts-)Welt von Plattformen und Netzwerken weichen – einer Zukunft, die bereits begonnen habe: „You do what you do best and link to the rest“, brachte Jarvis seinen Vorschlag auf den Punkt. Das „Verfallsdatum“ der Printmedien sei in angesichts aktueller Entwicklungen im Internet längst überschritten. Spezialisierung auf die Kernkompetenz: So lässt sich der Tenor der folgenden Diskussion beim Printgipfel zusammenfassen.

Qualität durch Analyse und Interpretation stärkt die Zeitung

Wurden die Aktivitäten im und um das Internet in früheren Veranstaltungen noch als „Bedrohung“ empfunden, haben die Verlagshäuser inzwischen Methoden entwickelt, die Möglichkeiten des World Wide Web in ihr Tagesgeschäft einzubinden. „Viele Qualitätsangebote des Internet operieren unter dem Markennamen von Printmedien“, erklärte Burda- Vorstandsmitglied Philipp Welte und wies auf einen grundlegenden Unterschied im Ansatz von Print und Online hin: Während in der Online-Welt die Schnelligkeit der Nachrichtenverbreitung Priorität habe, liege die Kernkompetenz der Printmedien darin, die Sachverhalte umfassend einzuordnen. Vor allem die Qualität, Ereignisse einzuordnen, zu analysieren und zu interpretieren, unterscheidet gute Zeitungen von Online-Angeboten. Dies mache das Printmedium in absehbarer Zeit zu einem „exklusiven Produkt zu einem exklusiven Preis“, sagte Prof. Dr. Miriam Meckel von der Universität St. Gallen voraus.

Printmedium als Kleinod

Das Printmedium als „Kleinod“ für eine Elite, die in absehbarer Zeit aus denen bestehe, „die überhaupt noch lesen“: Dieses Szenario skizzierte Claus Strunz, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts. Auch Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer sagte, er halte eine solche Entwicklung für möglich. Eine Gegnerschaft der journalistischen Plattformen hält Ziesemer aber insgesamt für unnötig: „Bei allen Geschäftsmodellen muss es in erster Linie darum gehen, Qualitätsjournalismus machbar zu machen.“ Nach Ansicht von Claus Strunz birgt die Aufsplitterung der Vertriebswege hin zu Online- und mobiler Kommunikation auch journalistische Chancen und bringt die Printmedien erstmals auf Augenhöhe mit den audiovisuellen Medien: „Ich beobachte in dieser Hinsicht ein verbessertes Selbstwertgefühl unter Journalisten.“ Dass dieser Optimismus positiv konträr zur derzeit herrschenden Spar-Mentalität steht, erläuterte Helmut Heinen. Der Präsident des Bundesverbands des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) sprach von einem „heilsamen Druck der Wirtschaftskrise“, deren nachhaltiges Resultat unter anderem eine kleinteiligere Arbeits- und Unternehmensstruktur sein werde. „Die Seele unseres Geschäfts sind nicht die Druckmaschinen, sondern die Ermöglichung von Journalismus“, betonte auch Heinen die Relevanz von wertvollen Inhalten als Kern der aktuellen Diskussion. Die Krise der Printmedien ist also Realität, aber keine existenzielle Bedrohung: Die Schlüsselbegriffe der Printgipfel-Diskussion lauteten deshalb „Übertragbarkeit der Inhalte“ und „Erhaltung von Qualitätsjournalismus“. In einer wirtschaftlich sinnvollen Kombination dieser Ansätze, so zeigten sich die Experten auf dem Podium einig, liegt die Zukunft der Printmedien, deren Mehrwert aus Sicht von Miriam Meckel nach wie aus der Fähigkeit zum Überraschen resultiere: „Es ist immer noch wertvoll, mehr zu finden, als man gesucht hatte.“

Quelle: Medientage München

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